Wie gut vertragen sich Architektur und Energieeffizienz?
Neulich war ich Zeuge einer interessanten Diskussion: Ein Architekt und ein Energieberater debattierten heftig über den Sinn und die Ästhetik von energetischer Modernisierung. „Wenn immer mehr Ziegelmauerwerke hinter Wärmedämmverbundsystemen verschwinden“, schimpfte der Architekt, „zerstören wir die Identität unserer Dörfer und Städte, vernichten wir kulturelle Leistungen, die in Jahrhunderten erarbeitet wurden.“ Der Energieberater hielt dagegen: „Wenn wir den Wärmebedarf unserer Altbauten nicht drastisch senken, dann werden die Auswirkungen des Klimawandels viel mehr zerstören als nur kulturelle Leistungen.“ Es ging hoch her, und nach den Wärmedämmverbundsystemen kamen die Photovoltaik-Module auf den Tisch (bildlich gesprochen), die immer mehr Dächer vor allem im ländlichen Raum prägen. Der Architekt wetterte dagegen, der Energieberater eiferte dafür.
Nun war der Architekt keiner dieser Dinosaurier, die „nach uns die Sintflut“ rufen und sich um Energieeffizienz nicht die Bohne kümmern. Nein, seine Vorschläge, wie man den Energiebedarf unserer Häuser wirkungsvoll senken kann, waren voller Sachverstand. Der Energieberater wiederum war kein Dogmatiker, der zur Not die scheußlichsten Konstruktionen in Kauf nähme, wenn sie nur dem Passivhaus-Standard entsprechen. Und doch debattierten beide länger als eine Stunde – zu meinem großen Vergnügen, wie ich gestehe. Denn einer so kompetenten Diskussion über dieses so wichtige Thema wohnt man selten bei. Überhaupt kann man den Eindruck haben, dass die Berufsgruppen der Architekten und Energieberater, die so viel voneinander profitieren könnten, lieber nicht so viel miteinander zu tun haben wollen. Weil es bekanntlich anstrengend ist, seine eigenen Standpunkte in Frage gestellt zu sehen und sich um neue Antworten zu bemühen.
Wie betrifft das uns ganz normale Bauherren und Modernisierer? Wir können leider nicht darauf vertrauen, dass ein Energieberater uns nicht nur die wirkungsvollste Maßnahme zur Energieeffizienz vorschlägt, sondern auch die schönste. Und mit dem Architekten ist es umgekehrt. Ein Beispiel: Werden bei einem Bungalow aus den Sechzigerjahren die Panoramafenster ausgetauscht, kommen heute üblicherweise Fensterprofile zum Einsatz, die viel dicker und breiter sind als die ursprünglichen. Das zerstört die Eleganz der Architektur. Setzt man stattdessen ein Kastenfenster dahinter, ein Fenster hinter dem Fenster, bleibt die Gestaltung erhalten, ist der Energieeffizienz trotzdem genüge getan.
Ein weiteres Beispiel: Statt eine Klinkerfassade mit einem Wärmedämmverbundsystem zu zerstören, kann man auch eine Innendämmung wählen. Die ist bauphysikalisch eine Herausforderung, aber vom guten Handwerker ohne weiteres zu realisieren. Es kommt eben darauf an, dass man von einem umfassend informierten Fachmann auf diese Möglichkeiten aufmerksam gemacht wird.
Wie kommt man solche Fachleute, die Ästhetik und Energieeffizienz nicht als Gegensätze betrachten? Indem man sie ausfragt und Referenzen einfordert. Das macht ein wenig mehr Mühe – aber die ist es allemal wert!
Herzlich,
Ihr Sven Rohde
admin am July 16th 2010 in Allgemein, Bauen & Sanieren