der Blog mit Energie


“Wir können uns nicht vorstellen, was da noch auf uns zu kommt.”

Es ist einer unserer Geheimtipps dieses Sommers für Kunstfreunde in NRW: die Video-Installation „Factory of the Sun“, die der Hartware MedienKunstVerein (HMKV) von der 2015er Biennale aus Venedig ins Dortmunder U geholt hat. Anlass ist sein 20. Geburtstag. Die von uns geförderte Installation ist noch bis Ende August zu sehen. Ein Gespräch mit Inke Arns, der Künstlerischen Leiterin des HMKV, über zwei Jahrzehnte in einem jungen, kleinen und doch so wichtigen künstlerischen Genre und die Zukunft der Medienkunst:

Frau Arns, 20 Jahre HMKV – eine ganz schön lange Zeit in der Medienkunst. Wie wurde das Genre Mitte der 90er wahrgenommen?
INKE ARNS: Vor 20 Jahren war das ganze Metier noch viel exotischer – im positiven wie im negativen Sinne. Es hat eine starke Normalisierung stattgefunden: Man ist heute im Allgemeinen nicht mehr so erstaunt, dass künstlerische Arbeiten neue Medien einsetzen. Zumindest die Videokunst ist ja längst ein ganz selbstverständlicher Teil der zeitgenössischen Bildenden Kunst geworden.

Inke Arns - Eröffnung "FACTORY OF THE SUN" von Hito Steyerl in Dortmund

“Für mich sind Medienkünstler daher die “Geschichtenerzähler des Informationszeitalters’.” Inke Arns bei der Eröffnung von “Factory of the Sun”. Foto: Frank Vinken | dwb

Angesichts der allgegenwärtigen Digitalisierung wäre es aber auch verwunderlich, wenn es anders wäre, oder?
Das stimmt, aber es war auch kein Selbstläufer: Ich habe noch vor vielleicht acht oder zehn Jahren mit Ausstellungsbesuchern gesprochen, die mich gefragt haben: „Also das mit diesen neuen Medien und Kunst – das passt doch nicht so richtig zusammen, oder?“

Was hat sich technologisch in den 20 Jahren geändert? Wie sahen die ersten Arbeiten im Bereich der Medienkunst aus, denen sich der HMKV in den 1990ern gewidmet hat?
Es war alles sehr experimentell: Das Internet war damals ja noch ganz neu. Netzkunst wurde 1993 im Rahmen des Videokunstfestivals OSTranenie 93 am Bauhaus Dessau und 1994 im Rahmen der Medienbiennale Leipzig 94 erstmals in Deutschland gezeigt. Auf der documenta X (1997) staunte dann ein großes Publikum über die zehn „Netzkunst-Arbeiten“, die dort in Kassel präsentiert wurden. Weiterlesen ›

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„Das beste Spielmobil aller Zeiten“

Die von der RWE Stiftung geförderte Ausstellung „Planet B “ sieht die Zukunft als Raum für Utopien. Im Düsseldorfer NRW Forum können Künstler in einer als Rakete gestalteten Forschungsstation verschiedene Konzepte ausprobieren. Die Besucher sind eingeladen, mitzumachen. Nach dem Interview mit Alain Bieber haben wir jetzt auch mit Kuratorin Joanna Szlauderbach gesprochen:

Kuratorin Joanna Szlauderbach vor der Rakete, die die Forschungsstation der Künstler ist. Foto: Frank Vinken | dwb

Joanna Szlauderbach vor dem Höhepunkt der Ausstellung, der Rakete. Foto: Frank Vinken | dwb

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VISIT-Stipendiat C. Keinstar und die Energie der angewandten Schwermut

Bis zum 14. Juli gibt es in Bochum Gelegenheit, die Energie der angewandten Schwermut im Werk von VISIT-Stipendiat Christian Keinstar zu spüren. Die Galerie „januar e.V.“ zeigt dort die Solo-Ausstellung „Muscles Are Violence“.

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„Muscles Are Violence“: VISIT-Künstler Christian Keinstar in der Bochumer Galerie „januar“. Fotos: Frank Vinken | dwb

Das Kern- und Titelstück der Präsentation über drei Etagen, „Muscles Are Violence“, hat Keinstar eigens für den Keller der Galerie installiert. Ein Pulk von Kunststoffwesen hängt dort von der Decke und scheint geradezu auf Assoziationen zu warten: auf den ersten Blick hilflose und im wahren Wortsinn ausgelieferte Gestalten, die immer wieder durch eine grob konstruierte Motorik in bedrückende, eigentümlich zuckende Bewegung gesetzt werden. Ein Bild der Wehrlosigkeit. Eine Zumutung. Gab es da nicht diesen Fall mit dem jahrelang eingesperrten Mädchen?

Doch halt. Der Zugang zu Christian Keinstars Arbeiten ist selten leicht und derart schlicht beschildert. Das Werk des Kölners ist deshalb so besonders, weil er es uns schwermacht, eine klare Position dazu zu finden. Keinstar will keinen Konsens. Ohne Polarisierung keine Spannung. So einfach ist das. Er führt uns mit seinen starken Bildern geradewegs die Stiege hinunter in unseren ganz persönlichen Gedankenkeller. Dahin, wo wir dieses ganze Zeug abstellen, das uns täglich mehrfach multimedial verabreicht wird und das wir in dieser Menge und Gewalttätigkeit schon lange nicht mehr angemessen abarbeiten können.

Kunst-Köpfe aus Polyurethan-Schaum mit starren Blicken

Und außerdem ist da ja auch noch dieser seltsame Trotz in den starren Blicken der Kunst-Köpfe aus Polyurethan-Schaum. Vielleicht schauen so auch bald die Prototypen für irgendeine neue Robotik, während sie auf die Weiterentwicklung warten. Künstliche Intelligenz? Da war doch was? Auf diesem Gebiet ist ja einiges im Gang. Stichwort Kunst-Kopf.

Über Christian Keinstars Arbeiten an seiner VISIT-Präsentation haben wir im März berichtet. Im Erdgeschoss der Bochumer Galerie läuft die Videoarbeit „Liberate Me“, in der Keinstar dokumentiert, wie sich eine Maske aus Gallium vom Gesicht einer Frau heruntertropft. Thomas Hensolt, einer der „januar“-Galeristen, hatte sich von dieser Arbeit bei einer Präsentation im Düsseldorfer WELTKUNSTZIMMER beeindrucken lassen und darauf die Bochumer Ausstellung realisiert.

Klar, man mag sich das auch im Netz zusammenklicken. Der Künstler teilt seine „Muscles Are Violence“-Dokumentation großzügig und weltweit. Doch wer daraus folgert, da könne man sich Muskelkraft und damit den Weg nach Bochum sparen, der irrt gewaltig. Keine noch so hoch aufgelöste Virtualität kann die Wucht der Keinstarschen Wirklichkeit ersetzen. Ganz gleich, ob die Kunst nun im großen Museum oder an der Eislebener Straße in Bochum-Langendreer spielt. Oder um es mit Christian Keinstar zu sagen: „Muskel-Gewalt ist nicht immer nur ein Ausdruck der Ohnmacht, sondern eine Manifestation der physischen Realität.“

Ergänzt werden Installation und Video im Keller und Erdgeschoss durch „A History Of Power (based on Roger Trinquier)“, „Ohne Titel (BB 04-12) und die bleiernen Wirbel in „HC 231 (Hyperalloy Chain)“ in der ersten Etage der Galerie „januar“. Wer bei den Kunststoffkörpern im Keller das Rückgrat vermisst, wir womöglich hier fündig. In diesem Sinn.

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