„Es wird privat”, versprechen die Kuratorinnen der Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen mit der aktuellen Ausstellung „AT HOME, der Blick durchs Schlüsselloch, Wohnen im Ruhrgebiet – gesehehen durch die Kunst”. Zum Thema werden 220 Arbeiten von 65 (Foto-)Künstlern gezeigt. Darunter auch Mischa Kuball und Sebastian Mölleken. Kuball zeigt einen Ausschnitt aus seinem grandiosen, von der RWE geförderten Kulturhauptstadt-Projekt „New Pott. 100 Lichter / 100 Gesichter”. Mölleken, 2010 der zweite VISIT-Künstler der RWE-Stiftung, präsentiert mit Oliver Blobel die gemeinsame Semesterarbeit „Nachbarschaft. Im Emscherbruch” aus dem Jahr 2008.

„AT HOME”-Plakatmotive von Jörg Winde: Tante Änne. Wohnung Trosin. Gelsenkirchen aus 1994, Vintage-Print einer analogen Großformat-Fotografie.
In Oberhausen zeigt Mischa Kuball wohl die aktuellste und authentischsen Einblicke in Wohnzimmer der Ruhrgebiets, wenn 100 Migrantenfamilien aus 100 Nationen ihre Geschichte erzählen. Der Düsseldorfer Fotograf Egbert Trogemann hat die Bilder und Videos gemacht. Seine schwarzweißen Fotografien kontrastieren die Interviewsituation mit den leeren Wohnräumen, aufgenommen aus exakt derselben Perspektive mit derselben Belichtung im selben Format.
Sebastian Mölleken und Oliver Blobel ist es zu verdanken, dass wir uns nicht nur von den Bewohnern in den Fenstern ihrer Zechenhäuser im Herner Emscherbruch ein Bild machen können, sondern auch von den Zimmern dahinter. Die beiden Fotodesigner haben Licht gemacht und sich mit einem Hubsteiger auf Augenhöhe mit ihren Motiven begeben. Das Resultat sind seltsam helle und lebendige Bilder. Im Fenster liegen nicht mehr nur die Menschen, sondern auch ein kleiner Teil ihrer ganz privaten Welt dahinter. Auf der Pressekonfenz zur Oberhausener „AT HOME”-Ausstellung am Donnerstag haben die beiden übrigens ihren Dozenten an der Fachhochschule Dortmund getroffen. Prof. Jörg Winde lehrt dort Fotodesign und zeigt seine Fotoserie „Tante Änne” aus den Jahren 1992 bis 1994 ebenfalls im Erdgeschoss der Ludwiggalerie. Das Plakatmotiv (oben) stammt aus dieser Serie. Retro-Stimmung und Farbstich sind analog-authentisch und können von keiner app der welt erzeugt werden, ob wohl das immer wieder versucht wird.
Überdies ist „AT HOME” sehr sehenswert und bietet viel Kunst pro Quadratmeter Wohnfläche. Von der klassischen journalistischen Auffassung der Ruhrgebietsfotografie-Ikonen Manfred Vollmer, Achim Pohl, Jürgen Leiendecker, Marga Kingler und Brigitte Krämer über die formale Strenge der Bechers bis zu den verspielt-ironischen Kunst-Stücken von Judith Saupper und dem hinreißenen „skribblegebibble” von David Janzen und Simon Mellnich. Denen gelingt es mit ihrer Arbeit „April, Mai, Juni 2011”, dem Kulturwandel im Revier eine pointierte Rückkopplung zu verpassen. Ganz schön schrill – wie Rückkopplungen eben so sind – erweitern sie Omas Kitsch-Couch mit schlichtesten Mitteln zu einem kleinen Steam-Punk-Uniersum samt Tagebau im klaffenden Polster, Baumaschinen aus Pappkarton und einem wattedampfenden Zug nach nirgendwo. Wandel durch Industriekultur mal ganz anders. Herrlich.
Die Bilder:
Nun möchte ich diesen Weblogeintrag nicht endgültig abspeichern, ohne zwei Dinge angemerkt zu haben.
Erstens wird “AT HOME” am 20. Mai, dem kommenden Sonntag der RuhrKunstMuseen, um die die Ausstellung „Mein liebstes Stück” erweitert. Gezeigt werden Dinge mit Geschichte aus dem Privatbesitz freiwilliger Ruhrgebietsbewohner. Noch bis Ende August können sich Interessierte daran beteiligen und das Bewerbungsformular auf dieser Seite der Ludwiggalerie herunterladen. Dort finden sich auch alle Termine der Museumspädagogik von Wohnsinn! bis Luftschloss DreiTausendZwölf.
Zweitens könnte diese Aktion den Gelsenkirchener-Barock-Faktor im Schloss Oberhausen beträchtlich senken. Gut möglich, ich habe 2010 einfach zuviel Aufbruchstimmung inhaliert, oder zuviel junges Ruhrgebiet erlebt, dass auch gut in Hamburg oder Berlin spielen könnte. Vielleicht bin ich auch einfach nicht jung genug. Sicher ist aber eins. Ich kann diese bräsigen Sessel und Sofas, diese schrecklichen Furniermöbel vor tristen Tapeten nicht mehr sehen. Ich wünsche mir eine Ausstellung über das Wohnen im Ruhrgebiet mit Kunstwerken und Bildern nicht älter als, sagen wir mal, fünf Jahre. Die darf dann auch ruhig „ZU HAUSE” heißen, mit einer kleinen und gut recherchierten historischen Abteilung. Da kommen dann die Möbel von Omma rein und gut ist.
Frank Vinken am 12.05.2012 in Allgemeines, Kultur