Kleine Meinungsumfrage: Was kostet dich die meiste Energie und wo tankst du sie neu?
I don’t like Reggae schallt es aus der Nachbarwohnung durch meine Wohnzimmerwand, durch die Schlafzimmerwand, windet sich durch meinen Gehörgang, hämmert ins Hirn. Sonntagmorgen und an Schlaf ist nicht mehr zu denken.
Ich verstehe nun meinen Bruder besser, der – in unserem Elternhaus Wand an Wand mit mir wohnend – eine tiefe Abneigung meiner Joshua-Kadison-CD gegenüber entwickelte, die 1994 zu meinen Lieblings-CDs zählte. Das Lied „Jessie“ auf Repeat bedeutete immer und immer wieder: From a phone booth in Vegas, Jessie calls at 5 a.m. to tell me how she’s tired of all of them. (Joshua Kadison)
Ich verstehe auch Jessie besser. Ihre Müdigkeit. Wie soll man jemals wach werden, wenn man am Sonntag keine Energie mehr durch Ausschlafen tanken kann? Eine anstrengende Arbeitswoche liegt hinter mir. Die nächste vor mir. Um 4 a.m. klingelte mein Telefon. Nicht Jessie war dran, sondern mein Freund, der mir mitteilen wollte, dass er gut zu Hause angekommen sei. Jessie, du hast mein Mitgefühl, ich bin auch müde.
Aber wovon genau eigentlich? Jeden Tag verbrauchen wir jede Menge Energie. Worein investieren wir unsere Energie? Und wo tanken wir neue? Diese Fragen stellen sich mir, derweil ich mit Kaffee meinen Energiehaushalt in Schwung zu bringen versuche. Natürlich könnte ich zur wissenschaftlichen Abhandlung greifen und nachlesen, welche Tätigkeiten am meisten Energie schlucken (vermutlich manche Sportarten und körperliche Schwerstarbeit). Aber um echte Kilokalorien geht es mir nicht. Jessie hat um 5 a.m. sicherlich nicht so sehr mit dem Zustand zu kämpfen, den man im Volksmund „Unterzuckerung“ nennt. Es geht mehr um die Frage, was uns gefühlt nicht nur die körperlichen, sondern auch die mentalen und psychischen Kilokalorien raubt (und sie wieder auftankt).
Zeit für eine kleine Meinungsumfrage.
Worein also wird (freiwillig und unfreiwillig) die meiste Energie investiert?
Daniel (31) investiert die meiste Energie (freiwillig und unfreiwillig) in die Arbeit. Dabei geht ihm schon auf dem Weg zur Arbeit eine Menge Energie flöten, wenn sein Sitznachbar im ÖPNV zum Beispiel laut über Kopfhörer Whitney Houston hört und nach Fernet Branca stinkt. Whitney Houston, Bob Marley, Joshua Kadison – von Mitmenschen konsumierte Musik scheint des Öfteren an der eigenen Energie zu zehren. Worein investiert Daniel noch Energie? In soziale Beziehungen. Die Energie bekommt er aber im Idealfall auch genau durch die sozialen Beziehungen wieder zurück.
Inge (67) sieht das ganz ähnlich. Energie steckt sie gerne in Familie, Freunde, ihren Beruf als Autorin. Und zwangsläufig auch darein „jeden Morgen aufzustehen und von vorn anzufangen“. Der morgendliche Ruck neu anzufangen fällt auch ohne musikalische Begleitung nicht immer leicht.
Dass soziale Beziehungen und/oder Job ganz weit vorne in Punkto Energieinvestitionen, findet breite Zustimmung. Anja (38) etwa investiert momentan die meiste Energie in ihre Kinder. Für Elisa (29) sind Familie, Partnerschaft, Freunde die liebsten Energiefresser, der Job kostet unfreiwillig die meiste Energie – die Elisa manchmal aber auch gerne reinsteckt. Lisa (29) investiert ebenfalls gerne viel Energie in Menschen. Das können neben Freunden und Familie gerne Fremde sein, mit denen Lisa Bekanntschaft schließt oder ins Gespräch kommt. Am meisten Energie kostet Lisa, dass sie immer überall sein und nichts verpassen will. Hannelore steckt die meisten Kraftreserven in Schreibprojekte (ihren Beruf) und ihre Großfamilie. Unfreiwillig verbraucht sie Energie damit, „zeitlich alle Interessen und Aufgaben unter einen Hut zu bringen.“ Für Laura Marie (29) ist der Job freiwillig und unfreiwillig Energieverbraucher Nummer 1: „… denn auch wenn Geld verdient werden muss, ist die Wahl der Arbeitsstätte eine freiwillige Entscheidung und mir macht meine Arbeit viel Spaß.“
Bei denjenigen, die nicht die meiste Energie in Familie, Freunde, Job investieren, haben sportliche Aktivitäten den höchsten freiwilligen Stellenwert: Wiebke (30) steckt die meiste Energie „in die Pedale meines Fahrrads, welches mich in Bochum mehr oder minder zuverlässig von A nach B bringt.“ (Unfreiwillig investiert sie am meisten in „das Warten auf etwas.“). Sascha powert sich am liebsten mit Joggen, Fitnessstudio und Karate aus (und nebenbei bemerkt auch mit seiner Dissertation). Ilse (27) investiert freiwillig am meisten „in Sport und Musikmachen“ und findet es sehr energieaufwändig, „Streitigkeiten zu ertragen und unliebsame Arbeiten erledigen zu müssen.“
Zusammengefasst investieren wir die meiste Energie demnach in Familie, Freunde, Arbeit und Sport. Was als unfreiwilliger Energiefresser die meiste Kraft kostet, variiert individuell: warten, aufraffen, getrieben sein.
Und wodurch wird neue Energie getankt?
„Durch kreative Dinge (auch im Konsum: Musik, Literatur, Kunst, Film), einfach nur Ruhe, Sonne und für immer die Menschen (die guten)“, sagt Daniel (31). „Im Zusammensein mit Menschen, die ich mag (Familie, Freunde), wenn ich lese, Musik höre, schreibe, im Süden Ferien mache“, findet Inge (67). „Durchs Reisen, tolle Gespräche und gutes Essen“, meint Lisa (29).
Wiebke (30) antwortet: „Das Radfahren ist ein in sich geschlossener Kreis: Die Energie, die ich dort verwende generiere ich dabei gleichermaßen.“ Sascha gewinnt Energie durch „Wochenende, Freunde, Lesen, Sauna“, Laura Marie (29) durch „Capoeira Training, Spaziergänge mit meinem Hund, Beziehung & Freunde, Lesen, Malen & Ski/Surf-Urlaube“, Elisa (29) „in Familie, Partnerschaft, Freunde, beim Sport, beim Reflektieren und Planen, beim Einfach-Loslassen-und-mal-nicht-Nachdenken und aus dem Gefühl, etwas geschafft, ein langwieriges und/oder schwieriges Projekt erfolgreich beendet, etwas Neues gelernt oder Vorsätze bzw. Wünsche endlich in die Tat umgesetzt zu haben.“
Neue Energie gibt es auch durch „Gespräche mit Freunden, WUNDER-volle Begegnungen mit Kindern jeglichen Alters (z.B. den Enkeln), walken durch den Wald, Musik und Meditation.“ (Hannelore), „meine Familie, meine Partnerschaft und meine Freunde und durch mich selbst; durch das Gefühl, am Ende des Tages etwas erreicht oder geschafft zu haben, inneres Wohlgefühl der Erfüllung“ (Ilse (27)) und „im Spiel mit meinen Kindern und durch Yoga“ (Anja (38)).
Auf einen Nenner gebracht sind die persönlichen Energietankstellen also vor allem: Begegnungen und Beschäftigungen mit Menschen (Freunden, Familie), Sport, Kunst (in der eigenen Produktion oder im Konsum), Urlaub/Freizeit, Ruhe und die Genugtuung etwas geschafft zu haben.
Was würde Jessie tun, um neue Energie zu tanken? She says, „Baby, I’ve been thinking ’bout a trailer by the sea. We could go to Mexico … you, the cat and me. We’ll drink tequila and look for sea shells. Now, doesn’t that sound sweet?” (Joshua Kadison)
Der Sonntag ist bereits halb verstrichen und es stellt sich mir nun die Frage, wo ich selbst heute noch Energie verbrauchen und tanken werde. Tanken: abends bei leckerem Muschelessen mit meinem Freund. Verbrauchen: beim Putzen. Warum hat eigentlich niemand den Haushalt als Energiefresser genannt? Um die nötige Energie zum Putzen aufzubringen, werde ich Musik hören. Jessie. Ganz laut. Auf Repeat. I don’t like Reggae.
Sarah Meyer-Dietrich am Januar 17th 2012 in Allgemeines, Soziales
1 Kommentar zu “Kleine Meinungsumfrage: Was kostet dich die meiste Energie und wo tankst du sie neu?”




kaehler schrieb am 18 Jan 2012 um 6:40 pm #
Gras- und körnerfressenden Weltverbesserern zuhören zu müssen, kostet mich die meiste Energie. Jetzt haben sie ihren Atomausstieg, wollen aber keine Leitungen, um off shore Strom zum Kunden zu bringen.
Fahren aber ihre Edelkinder jeden Tag mit dem Auto zur Schule.
Was tu ich zum Entspannen? Auf einen Truppenübungsplatz gehen und hart trainieren, da gibts (meistens) kein Handy und sonstigen Mist, vor allem nicht o.a. Deppen!