Viel erreicht, wenig gewonnen!

Einen “realistischen Blick auf das Ruhrgebiet” verspricht das druckfrische Buch  ”Viel erreicht, wenig gewonnen” aus dem Klartext-Verlag. Vier Bochumer Professoren haben sich zusammengetan und tatsächlich: Hier wird aufgeräumt mit den immer gleichen Worthülsen (“Strukturwandel”), hier werden die Defizite und offenen Wunden, die jeder kennt, der einmal im Regionalexpress von Essen nach Recklinghausen gefahren ist, geradeaus benannt. Da ist wenig “Phönix flieg” – wie ein anderes, vor rund einem Jahr erschienenes Buch und eine Tagung im Dezember selbstbewusst, aber auch etwas trotzig forderte. Da sind, mit Verlaub, eine Menge Probleme.

Dass Bodo Hombach, der spiritus rector der “Phönix-Bewegung”, nun selbst das neue Klartext-Buch, das man durchaus als Antithese zu allzu viel deklamatorischem Optimismus auffassen könnte, präsentierte, spricht für seine menschliche Große. Und es spricht für einen neuen Realismus im Revier. Viele sind die Worthülsen (noch so eine: “Metropole Ruhr”) Leid, die Sprünge immer neuer Tiger, die dann doch als Bettvorleger landen, die immer neuen Säue, die durch die Dörfer gejagt werden, die Mischung aus Larmoyanz und der wahnwitzigen Vorstellung, man sei der Nabel der Welt, die Absurditäten des Mit- oder Gegeneinanders im Ruhrgebiet. Neuer Realismus hält Einzug, vielleicht ein Stück neue Ehrlichkeit.

Auf den ersten Blick irritiert es da, dass die Kultur, an der im Ruhr.2010-Jahr das Revier noch genesen sollte, in dem 178 Seiten starken Buch nur auf sechs Seiten abgehandelt wird, und dann noch unauflösbar verquickt mit einer auch nach dem Kulturhauptstadtjahr schwer greifbaren “Kreativwirtschaft”. Das mag tatsächlich ein Defizit des Buches sein. Auf der Pressekonferenz wurde dann aber klar: Gerade im Kulturbereich zeigt sich exemplarisch, dass viel erreicht und mancherorts tatsächlich wenig gewonnen wurde. Ein millionenschweres Konzerthaus in Bochum? Kann man zumindest hinterfragen. Ruhrkunstmuseen? Ein schöner Ansatz, von dem hoffentlich mehr übrig bleibt als PR-Aktionen. Schließungs- und Kürzungsdebatten allerorten. Leere Kassen.

Für uns Stiftungen, aber auch für jedes fördernde Unternehmen entsteht so eine schwierige Situation. Denn wenn der Ruf nach Vielfalt zu Unübersichtlichkeit und Fürstentum-Denken führt, wenn privates Geld nur dazu gebraucht wird, Löcher in Luftschlössern zu stopfen, nervt das nicht nur die potenziellen privaten Geldgeber, sondern am Ende verlieren auch die Kulturinstitutionen – und das Ruhrgebiet. Wohlgemerkt: Es geht nicht um Einheitsbrei und ausgedünnte Strukturen. Vielmehr geht es auch hier – wie in der gesamten Ruhrgebietsdebatte – um mehr Realismus, um arbeitsfähige Strukturen, um die Einsicht, dass man jeden Euro nur einmal ausgeben kann. Arbeitsteilung – oder wie es die Buchautoren nennen: “funktionale Differenzierung” – sollte kein Unwort sein.

Das ist übrigens in der Bildung nicht anders. Hier gibt es allerdings vielversprechende Beispiele von Allianzen, ohne Qualität und Vielfalt zu gefährden. Vielleicht ist die Universitätsallianz Metropole Ruhr (UAMR) tatsächlich mehr als ein Wortungetüm. Das KWI jedenfalls hat sich als Zusammenschluss aller drei Ruhrgebietsuniversitäten überregionale Akzeptanz erarbeitet.

Die Debatte über die Zukunft unserer Region ist also längst nicht beendet. Um nochmal auf das Buch zurückzukommen: Vieles wurde richtig angesprochen, wenig wurde ausgelassen. Manches aber doch. Von der Kultur-Lücke war schon die Rede. Auch die Frage nach der Rolle der industriellen Basis sparen die Autoren weitgehend aus. Dazu wiederum hatten die Phönix-Autoren einiges gesagt.

Abb.: Klartext Verlag

1 Kommentar »

smu am Februar 14th 2012 in Allgemeines, Bildung, Kultur

1 Kommentar zu “Viel erreicht, wenig gewonnen!”

  1. Thomas Hüser schrieb am 14 Feb 2012 um 3:07 pm #

    Wer kooperieren will, sollte auch die Toleranz besitzen zuzugeben, dass andere etwas besser können als man selbst. Das ist das Kernproblem im streckenweise eitlen Kulturbetrieb. Warum soll sich Essen nicht um den Schwerpunkt Oper kümmern, Bochum um das Schauspiel und Dortmund auch Heimat der Bochumer Symphoniker sein… Stattdessen können kleine Theater in Oberhausen oder Mülheim nicht leben und nicht sterben. Es wäre alles recht einfach, wenn man es nur beginnen würde…

    TH