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Die Straße der großen Kunst ist eröffnet

Seit Samstag ist die A40 nicht mehr nur Stau-, sondern auch Ausstellungsort für Kunst in sechs „B1|A40-Landschaftsparks“ an den Ausfahrten 14, 19, 26, 31, 33 und 44 zwischen Duisburg und Dortmund. Besser als im Katalog lässt sich das Kunst-Werk für vier Spuren kaum beschreiben: “Ob Bikertreff oder Tanzclub, Biobauer oder Gänsezucht, Wagenburg oder Siedlerverein. Die Energie der Menschen formiert sich in komplexen Landschaften bürgerlich-anarchischen Charmes . . .”

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Eröffnung in Mülheim: Das "Eichbaumgold" von Martin Pfeifle und Wanda Sebastian betanzen drei Latein-Paare des Bundesliga-Tanzclubs Ruhr-Casino Bochum. Fotos: Frank Vinken | dwb

Energie mündet in bürgerlich-anarchischem Charme

Was verbindet einen ehemaligen Direktor des Lehmbruck Museums, Inge Baecker, die einst wohl prominenteste Galeristin der Stadt, Fluxus-Künstler Wolf Vostell, die BDSM-Zentrale der Region und die Bundesliga-Tanzsportler vom „Ruhr-Casino“? Nun, sie alle hatten und haben sich im dem Haus an der Bochumer Berggate 96 zu einem Netzwerk gefügt, das auch den Düsseldorfer B1|A40-Kurator Markus Ambach fixiert und fasziniert hat.

Eine kleine Latein-Formation aus Bochum ließ er denn auch auf dem frisch verlegten „Eichbaum“-Gold in der wohl verlassensten Haltestelle des Reviers die Eröffnung tanzen. Das allerdings ganz knapp an einem Vorführ-Effekt vorbei, den das Ruhrgebiet seit Jahrzehnten zur Genüge erdulden muss, wenn Inszenierer mit einer milde lächelnden Außensicht vielfältiges Leben in einer oft rücksichtslos geplanten, geschundenen Urbanität zum Erstaunen freigeben.

Doch halt. Schimpfen nutzt ja nicht. Das macht auch die Hombrucher Straße in Essen-Frillendorf („Heimat Autobahn“), das blaue Haus an der Bochumer Berggate 69 („Kulturelle Kreuzungen) und den geschundenen U-18-Haltepunkt „Eichbaum“ nicht schöner. Und Markus Ambachs Schönheits-Reisen mit den Presseleuten am Freitag und geladenen Gästen am Samstag sollten noch viel mehr Ausstellungsbesuchern ermöglicht werden.

Wieso das Ruhrgebiet die ideale Region für Kunst ist

Der Mann kann toll zusammenfassen und erzählen und ist wohl wirklich fasziniert von dem Vermögen der Menschen an der B1, dieses Leben zwischen prekär und prickelnd, zwischen Schrott und Schönheit mit starken eigenen Ideen zu füllen und einfach zu machen. „Die Menschen im Ruhrgebiet sind so aufgeschlossen für Kunst im öffentlichen Raum wie nirgends“, sagt er. Und das ist wohl auch genau so.

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Der B1|A40-Spielort Eichbaum in seiner ganz “Schönheit” und den Resten der vom Berliner Raumlabor inszenierten Oper aus 2009. Foto: Frank Vinken | dwb

Ambach hat sein aktuelles „Schönheit-der-großen-Straße“-Remake sehr schön recherchiert, hat verknüpft und weitergesponnen. Hat mit den „Urbanen Künsten Ruhr“ und deren Sponsoren vom Königreich der Niederlande bis zu unserer RWE Stiftung einen sehenswerten Höhepunkt in den Kultursommer an der Ruhr gesetzt. „Ein Glücksfall“, nennt Stiftungs-Geschäftsführer Stephan Muschick das Projekt zur Eröffnung, die auch der 2010-Geschäftsführer und Kulturhauptstadtmacher Oliver Scheytt besuchte.

Nein, wir wollen nicht lamentieren und verstehen ja auch, wie erstaunt der Zugereiste sein kann, wenn sich ein paar Schritte abseits der urbanen Restmenge Eichbaum ein landschaftliches Idyll auftut, mit Kornfeld und einer fast zerbrechlich wirkenden Arbeit der beiden Kunstforscherinnen Irene und Christine Hohenbüchler aus Münster und Wien über die fahrenden Roma und deren Verfolgung.

Wenn gleich nebenan Volker Lang sein halbes Zirkuszelt der Bevölkerung zur Nutzung übereignet und eine Stück die Straße hinunter der Landfleischer Steineshoff nicht nur die freilaufenden Gänse für das Ausstellungsplakat und die Oper von Danica Dakic im Autobahnkreuz Kaiserberg besorgt, sondern auch die Buggelkraxxe beheimatet, mit der Gabriela Oberkofler ihr nachgebautes Südtiroler Dorf durchs Ruhrgebiet getragen hat. Das leiseste Projekt, aber das mit den poetischsten Bildern.

Diskutieren Sie mit über die “energetische Lage des Ruhrgebietes”

Schließlich gibt es ja auch noch Pablo Wendel, den pfiffigen CEO von „Performance Electrics“ und dessen Kunststrom, den er ab Samstag an der Bahn in Dortmund (Ab- und Auffahrt 44 – Barop) erzeugt. Man darf gespannt sein, ob der Windpark mit Dortmund-Panorama die Ausstellung überdauert. Aufschluss gibt vielleicht ein geplantes „Diskursives Picknick“ zum Projekt am 23. August zum Thema  „energetische Lage des Ruhrgebiets“.

Ein Interview mit Wendel finden Sie HIER. Das Programm zur A40-Schönheit HIER.

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Veröffentlicht unter Kultur, Soziales
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