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Festival STROM IV: „Wow, das ist genau unser Projekt.“

Was haben Erwin Staches Programmscheiben aus alten Waschmaschinen und die Näherungssensoren in Chikashi Miyamas Klang-Interface „Peacock“ gemeinsam? Die Dinger brauchen Strom und sind seit dem Wochenende zu Klassikern der Kunststromwelt aufgestiegen. Erwin Stache und Dr. Chikashi Miyama teilen sich den von der RWE Stiftung ausgelobten Kunstpreis beim Festival STROM IV im Kölner Kunsthaus Rhenania.

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Tanz die Töne: Der Interface-Designer Chikashi Miyama teilt sich den ersten Rhenania-Stromkunstpreis . . . (Fotos: Frank Vinken | dwb)

Beide Künstler werden uns die Zeit bis zur nächsten STROM-Biennale 2017 mit einer gemeinsamen Performance-Ausstellung im kommenden Jahr verkürzen. Und der Jury ist es mit ihrer klugen Entscheidung gelungen, das Maximum an Wechsel-Spannung aus der Stromkunstschau herauszuholen.

Gegensätzlicher können die Preisträger nämlich nicht sein

Während Erwin Stache mit seinem analogen Programmschalterorchester den digitalen Ernst ausschaltet und sogar eine Handvoll Takte Mozart damit hinbekommt, sieht man Chikashi Miyama in seinen Performances über einem schwarzen Kasten mit den Infrarotaugen tanzen. Mittels Gestensteuerung irgendwo zwischen Bruce Lee und Karajan bringt er den „Peacock“-Controller dazu, verblüffend analog wie ein „Ärgerlicher Spatz“ zu klingen. Irgendwie umgepolt aber hochspannend.

Dazwischen war das Rhenania am Wochenende bis unters Dach mit Stromkunst-Positionen gefüllt: Mit Politikerlügen am Klingelbrett im Erdgeschoss. Mit Asri Sayracs hochpoetisch propellernden Steampunk-Mobilen unterm Dach. Mit einer hinreißenden (und von der Jury knapp „verfehlten“) Klang-Kinetik für Triangeln, Magnetschalter und Microcontroller von Tina Tonagel.

Mit Albert Schechs respektlos-politischen Miniaturen auf allen Etagen: Von der „Michelangelo refurbished“-Persiflage inklusive göttlich funkendem Mini-Lichtbogen bis zum kompromisslosen Kommentar zu einem der vergangenen Gaza-Kriege.

VISIT-Stipendiat beeindruckte mit seinem bildstarken Video „Reign of Silence“

Zwei VISIT-Stipendiaten waren ebenfalls im Kunsthaus Rhenania dabei. Lukas Marxt („Nella Fantasia“) beeindruckte nicht nur die Jury mit seiner bildstarken Kreislauf-Meditation „Reign of Silence“. Hier lohnt sich der Blick hinter den Link. Das Video funktioniert magischerweise auf jedem noch so kleinen Bildschirm. VISIT-Mann Merlin Baum schließlich war mit seinem „Kinetischen Lichtinterface“ in den STROM IV-Wettbewerb gegangen.

Um nun mit der verdienten Würdigung sämtlicher Strom-Künstler im Kunsthaus Rhenania das Format der Beiträge hier nicht zu sprengen, sei zusammenfassend Stiftungsgeschäftsführer Stephan Muschick zitiert, der allein die Förderanfrage des Festivals als „Sternstunde für die Stiftung“ bezeichnete: „Wir sagten Wow, das ist unser Projekt, weil wir an die positive Beziehung zwischen künstlerischer Arbeit und Energie glauben. Das Spannungsverhältnis zwischen dem Unternehmen und kritischen künstlerischen Positionen ist mitunter interessanter, überraschender und vielfältiger als manche Diskussion, in der Ingenieure, Manager mit NGO-Vertretern auf dem Podium sitzen und ihre Noten austauschen.

„Kraftwerk“ war gestern

Als die Rhenania-Jury gestern in ihrem Urteil den souveränen spielerischen Umgang der Preisträger mit dem Medium Strom lobte, hatte der Kölner Vollblutmusiker Rochus Aust bereits drei Abende vorher gezeigt, wie sich das klingen kann. Wer sonst als sein 1. Deutsches Stromorchester hätte ein Festival Strom eröffnen können? Auch während der 7. Sinfonie sehen die Instrumentenpulte der Stromsinfoniker aus wie das Archiv des Museums für Strom und Leben auf Urlaub.

Besonders stolz ist Chefstromer Aust auf einen antiken amerikanischen Mixer Baujahr 1963 mit dem charakteristischen General Electrics-Sound dieser Epoche. Die Musik des Orchesters ist ebenso unbeschreiblich wie unüberhörbar. Da schnurrt, rasselt, flüstert, brüllt und sampelt es aus gewaltigen Hörnern. Sehr elektrisierend. Und der schlimm orangene Laubsauger hat den ohrenbetäubenden letzten Ton des zweiten sinfonischen Satzes. „Kraftwerk“ jedenfalls war gestern.

Eröffnung Kunstfestival STROM IV im Kunsthaus Rhenania in Köln

Und noch eine Arbeit von Stromkunstpreisträger Erwin Stache: Die „Wundermaschine“ (eine ganz andere Sorte „Smart Meter“) in einem schrottgeweihten Leitungsprüfgerät aus den Sechzigern

Bleibt nur noch, Kurator Oliver Niemöller zur gelungenen vierten STROM-Festival-Ausgabe zu gratulieren. Wir sind gespannt auf die Fortsetzung in 2017 und vor allem auf die Ausstellung von Erwin Stache und Chikashi Miyama im kommenden Jahr in Köln. Geplant ist sie für Oktober/November.

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Veröffentlicht unter Innovation, Kultur
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