Eigentlich hatte das ein Routine-Termin werden sollen. Fotos für den Geschäftsbericht der Stiftung vom Projekt „VeddelErleben” in Hamburg. Wie gesagt, eigentlich ein Routine-Termin, bis mir Ulrich Koch begegnet ist. Denn wenn sich auch alle der in diesem Tagebuch vorgestellten Initiatoren, Mitarbeiter, Freunde, Förderer und Partner der Stiftung auf sehr hohem Energie-Niveau engagieren, dann gebührt Ulrich Koch ein Platz in der Kraftwerksklasse.

Was der 67-jährige, studierte Indologe, ehemaliger Seemann und praktizierende Computergrafiker anpackt, das kesselt. Von „Stand” mit oder ohne Ruhe nicht die Spur. Begonnen hat alles mit einem internationalen Straßenfußballturnier, aus dem der Förderverein „Get the Kick e.V.” geboren wurde. Das war 2002. Heute hilft der Verein mit sechs Projekten Kindern aus schwierigen sozialen und ganz unterschiedlichen kulturellen Lebenswelten, die Kurve – den „Kick” – zu kriegen, das eigene Schicksal aktiv in die Hand zu nehmen. Ohne Gewalt und Aggression, mit Mut und dem guten Gefühl, Ziele erreichen zu können, die man sich kaum selber zugetraut hätte. „VeddelErleben” ist eins der besten Beispiele dafür.
„Eigentlich wollten wir ja eine Bank gründen”, erzählt Uli Koch im Vorgespräch mit dem Selbstbewusstsein des erfahrenen Maximalförderers und seine wachen blauen Augen blitzen, „aber die Sparkasse Hamburg hatte damals eigene Pläne”. So ist aus der Schülerbank eine Schülerfirma geworden, die mit Erfolg den Turnsaal der ehemaligen Polizeikaserne auf der Veddel-Insel im Zollhafen bewirtschaftet, 2006 von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft SAGA GWG umgebaut und renoviert, heute täglich von Kitas, Sportvereinen, Poetry-Slammern und dem Jungen Schauspiel des Thalia-Theaters genutzt.
Dabei hatte das Projekt „VeddelErleben” aus der Sicht des Initiators keinen leichten Start. Ulrich Koch: „Mit zitternden Knien habe ich hier angefangen. Briefe schreiben war eine Katastrophe, von Emails ganz zu schweigen.“ Doch auf der „Veddel” hat auch Ulrich Koch erlebt, „wie gut das funktioniert, wenn man den Jugendlichen etwas zutraut und ihnen echte Verantwortung überträgt. Die Zahlen stimmen und der Jahresabschluss war einfach Klasse.” Zudem kümmert sich Ulrich Koch um viele der Kleinigkeiten, die erfolgreiche Firmenbetreiber auch sonst noch brauchen. Wir treffen die Projektklassen in der Turnhalle beim montäglichen Workshop mit den Trainern von „Sportjobs Hamburg”. Die Jugendlichen sollen Körpergefühl entwickeln mit der Perspektive, das Wissen um die Beziehungen zwischen frischem Geist und bewegtem Körper künftig auch anderen vermitteln zu können. Ulrich Koch verteilt die neuen Firmen-T-Shirts. Edles Grau mit dezentem Logo. Sehr zeitgemäß. Der Marketingprofi mit eigener Agentur denkt dabei sicher auch an den Fotografen, der Bilder braucht. Später im Klassenraum der Stadtteilschule Wilhelmsburg wird er neue offizielle Visitenkarten verteilen. Die sehen gut aus und stammen aus seinem Bürodrucker, alle „VeddelErleben”-Abteilungen sind vertreten, die gewählten Geschäftsführer ebenso wie Kundenbetreuer und das „Facility Management”, eine leichte Übung für jemanden, der jahrelang für den Hamburger Flughafen als Database-Publisher die Flugpläne erstellt hat. Zwei Laptops bringt Koch ebenfalls immer mit, samt Surfstick, um die Kunden-Emails auf den Weg zu bringen.
Indes führt Projektlehrer Sven Wagner seine Klasse geduldig aber bestimmt durch das kleine Chaos einer Schülerfirma mitten im Alltag. Hallennutzer haben nach einer privaten Feier ihre Miete immer noch nicht gezahlt. Klare Antworten brauchen klare Fragen: „Wie reagieren wir? Wer schreibt die Mahnung? Es gibt Handlungsbedarf, wer macht was?” Innerhalb kürzester Zeit ist das Problem vom Tisch, sind die Zuständigkeiten geklärt und das Mahnschreiben so gut wie auf dem Weg. Ich bin beeindruckt.
Aber noch einmal zurück. Am Ende unseres Vorgesprächs stehe ich mit Ulrich Koch am Hafenbecken, in dem sich die Eisschollen einer strahlenden Vorfrühlingssonne ergeben. Auf der anderen Seite, genau gegenüber vom IBA-Dock, ist Kochs jüngstes und wohl auch größtes Baby im Bau. „Mügge” wird es heißen. Ein Haus der Projekte für alle, deren Talente und Begabungen erst noch entdeckt und gefördert werden müssen, weil das offizielle Bildungssystem oft viel zu wenig Zeit für Kinder hat, deren Startblöcke nicht in der besseren Gegend gestanden haben. Mit einem Portalkran für die Boote, mit Werkstätten samt KFZ-Meister zum Schrauben und Entdecken. Mit einem zerbeulten Porsche-Traktor in verrostet-rot und mit einer Segelschule voller Optimisten-Jollen, damit Ulrich Kochs Kinder später auch auf dem eigenen Kurs ein wenig sicherer gegen den Wind kreuzen können.
„Veddel erleben”? In meinem Fall gar kein Problem. Mehr über einen spannenden Hamburger Vormittag in der Galerie:
Frank Vinken am 28. März 2012 in Bildung, Soziales