Interview mit Prof. Manfred Euler, wissenschaftlicher Leiter der Energiebildungsstudie des IPN Kiel und der RWE Stiftung, zu aktuellen Ergebnissen und zukünftigen Anforderungen an die Vermittlung des Querschnittsthemas Energie im deutschen Bildungssystem

Herr Prof. Euler, warum beschäftigen Sie sich mit dem Thema Energiebildung?
Energie ist für mich ein Querschnittsthema, das Wissenschaft, Technik und Lebenswelt verbindet. Ohne Energie gäbe es kein Leben. Energie ist ein Motor für alles und diesen Motor am Laufen zu halten ist ganz essentiell für unsere Gesellschaft. Die Energiebildungsstudie, die das IPN Kiel im Auftrag der RWE Stiftung durchführt, ist für mich von großer Bedeutung, weil sie zeigt, dass wir in unserer Gesellschaft mit diesem ganz wichtigen Querschnittsthema nicht in der gebührenden Tiefe umgehen und wir da unbedingt noch etwas nachlegen müssen, damit wir unsere Jugend zukunftsfähig machen können.
Im ersten Schritt der Energiebildungsstudie haben Sie die Lehrpläne analysiert. Was war das zentrale Ergebnis?
Zum einen hat sich erneut gezeigt, dass es in Deutschland auf Grund der föderalen Struktur sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen gibt. Es ist durch viele weitere Studien belegt, dass Bildungsgerechtigkeit einen geographischen Aspekt hat. In einigen Gegenden hat man einen besseren Zugang zu Bildung, als woanders. Dagegen muss man, denke ich, etwas tun. Der zweite Punkt, der mich wirklich überrascht und auch schockiert hat, war, dass bei grundlegenden Themen, wie der Physik beispielsweise, keine klare Kohärenz in den Lehrplanvorgaben bestand. Der dritte Punkt ist, dass eine Beliebigkeit besteht hinsichtlich dessen, was man über die Naturwissenschaften und die Technik hinaus macht – also ob das Energiethema z.B. auch von einer geopolitischen Seite aus betrachtet wird. Da Energie so ein wichtiges Querschnittsthema ist, muss künftig an den entsprechenden Vorgaben gearbeitet werden, um das Ganze sichtbar und für jeden begreifbar zu machen.
Nun haben Sie die Lehrer direkt befragt. Wo sehen diese die Chancen und Herausforderungen in der Energiebildung?
Zunächst sagen die Lehrer in der Tat, und das bestätigt auch die theoretischen Ergebnisse aus den Lehrplananalysen, dass wir viel tun müssen, um die Energiebildung im Schulsystem zu verankern. Zwei Drittel der Lehrer sagen, es reicht nicht aus, was wir derzeit tun und 90% sagen, es müssen erheblich mehr Anstrengungen unternommen werden, um Energiebildung auf den Stand zu bringen, der aus ihrer Sicht notwendig wäre. Das steht auf der Seite der Herausforderungen. Auf der Seite der Chancen wurde deutlich, und das ist die positive Nachricht, dass die Lehrer selbst eine sehr große Bereitschaft zeigen, sich in Sachen Energiebildung zu engagieren und durchaus über den fachlichen Tellerrand hinwegschauen. Sie sehen, dass das Thema wichtig ist, dass Technologien in diesem Zusammenhang wichtig sind und dass gesellschaftliche Aspekte wichtig sind. Aber die Lehrer sagen auch: Es gibt Rahmenbedingungen, die die Umsetzung der umfassenden Betrachtung der Energiethematik erschweren. Lehrer nennen hier Defizite in Aus- und Fortbildung sowie mangelnde materielle und zeitlich Ressourcen.
Diese Ergebnisse überprüfen Sie jetzt durch eine Delphi-Befragung. Wie genau gehen Sie vor?
Wir spielen die Ergebnisse aus der ersten Umfrage noch einmal an die Befragten zurück und stellen ihnen erneut die gleichen Fragen. Die Lehrkräfte können vor dem Hintergrund der Ergebnisse ihre eigene Meinung reflektieren. Wir wollen damit erreichen, die Ergebnisse der ersten Runde abzusichern und wir hoffen auch, genauere geographische Unterschiede in den Lehreraussagen statistisch absichern zu können. Auf diese Ergebnisse aus den Bundesländern bin ich besonders gespannt. Insgesamt soll die Delphi-Befragung dazu beitragen, die Gesamtergebnisse auf eine breitere empirische Basis zu stellen.
Wie geht es weiter und was versprechen Sie sich von den Ergebnissen der Studie?
Wir haben aus den Lehreraussagen schon einige Hinweise bekommen, an welchen Stellschrauben man drehen kann und sollte. Die Umfragen zeigen, dass tatsächlich einiges im Energiebildungsbereich in Gang gekommen ist. Vor allem im Eingangsbereich, im Bereich der Grundschule, gibt es sehr viel Bewegung und Innovation. Wir müssen es schaffen, dass das, was dort passiert, auch in die anderen Bereiche weiter getragen wird. Denn deutlich wurde auch, dass im Übergangsbereich bzw. im Eingangsbereich der weiterführenden Schulen nicht so viel passiert und die Anschlussfähigkeit zwischen Grundschulen in die weiterführenden Schulen nicht ausreichend gegeben ist. Hier hat die empirische Studie sehr klar gezeigt: Es besteht Handlungsbedarf. Da Energie ein ziemlich abstraktes Konzept ist, besteht weiterer Handlungsbedarf darin, erfahrungsbasiertes Lernen, also Lernen aus Experimenten, Projekten oder allgemein mit schüleraktivierenden Lernformen, zu vertiefen.
Wir sind gerade dabei, einen „Schüler-Energiebildungstest“ auf die Beine zu stellen. Dazu haben wir schon erste Pilotstudien laufen lassen. Wir wollen sehen, was in den Köpfen der Schüler im Bereich der Energiebildung ankommt, wie sie mit eher praktischen lebensweltlichen Dingen der Energie zurechtkommen und wie sie das Energiekonzept allgemein verstanden haben, wie sie gesellschaftliche Implikationen sehen und wie sie aufgrund ihres Wissens auch grundsätzlichere gesellschaftliche und ethische Herausforderungen bewerten. Wir untersuchen also das konzeptuelle Verständnis sowie Aspekte der Bewertung der Energiethematik und versuchen, das mit dem Unterricht zusammenzubringen, den die Schüler genossen haben. Wir vermuten durchaus enge Zusammenhänge mit der Unterrichtsintensität und sind ganz gespannt, diese Ergebnisse flächendeckend zu bekommen, um zu sehen, wo besonderer Handlungsbedarf besteht. Das wäre auch eine Basis um zu sehen, wohin sich das Thema Energiebildung in der Schule in den nächsten fünf bis zehn Jahren entwickelt.